„Man gewöhnt sich an alles“…

Heute war ein Sonntag. Sonntage sind immer irgendwie anders. Plötzlich verwandelt sich die sonst so lebendige Umgebung in eine Geisterstadt. Alles ist geschlossen, es gibt kaum Verkehr und wenn man, wie ich, die meiste Zeit des Sonntages beim Serienschauen verplempert, weil man sich einfach nicht aufraffen kann, hinaus in die wunderschöne Herbstlandschaft zu gehen, dann kann es auch mal sein, dass man am Ende des Sonntages völlig matsch im Kopf ist. Perfekt, um in eine neue Woche voller Arbeit zu starten.

Ja, ihr habt richtig gehört. Ich arbeite. Ich bin sogar ziemlich fleißig, denn ich habe nicht nur ein Studium begonnen, sondern arbeite nebenbei noch in einem Shop. Irgendwoher muss das (wenige) Geld ja kommen. Jedenfalls war heute wieder einer dieser typischen Sonntage. Eine Freundin von mir war schon stolz auf sich, dass sie überhaupt das Fenster aufgemacht hat, während ich auf Instagram und Facebook dutzende Fotos von wander- und sportfreudigen Menschen gesehen habe. Mal ehrlich, wie machen die das nur? Woher nehmen die die Energie und ja, ich glaube tatsächlich sogar, Freude, um sich aus dem Bett zu hieven? Ich war schon stolz auf mich, dass ich mir die Haare gewaschen habe. Aber genug dergleichen, ich habe mir jedenfalls vorgenommen, heute noch mindestens eine produktive Sache zu machen und da ich keine Lust auf Unikram oder Aufräumen hatte, kommt jetzt ein Blogeintrag. (und das längste Intro aller Zeiten)

Gestern meinte ein Freund (ich habe viele Freunde), dass ich doch einfach mal selbstbewusster sein sollte. Zur Erklärung: Ich habe ihm von einigen Date – Eskapaden in den letzten Monaten erzählt – 

um die Privatsphäre derjenigen zu schützen, nenne ich hier keine weiteren Details – und wie ich sie geduldig und freundlich lächelnd ertragen habe. Alle, die sich jetzt angesprochen fühlen: Euch betrifft das nicht, denn diese Jungs kennen mein Instagram oder facebook zum Glück nicht! Jedenfalls habe ich diese Dates freundlich lächelnd hinter mich gebracht, ohne mich zur Wehr zu setzen und stattdessen anschließend einfach mein Tinder Profil gelöscht. Dieser besagte Freund meinte also: Ich müsste selbstbewusster auftreten und mir das nehmen, was ich möchte. Hier bin ich. (sozusagen)

An dieser Stelle muss ich trotzdem kurz einhaken, denn ich bin, wie ich glaube, sehr selbst-bewusst. Selbstbewusst zu sein bedeutet: sich seiner selbst bewusst zu sein. Nicht zu verwechseln mit Selbstsicherheit. Ich bin mir meiner durchaus bewusst. Ich weiß, dass ich in manchen Lebenssituationen auch selbstsicher bin. Man gebe mir eine leere Tanzfläche und gute Musik und ich werde die erste sein, die ihre dancemoves auspacktund die letzte sein, die diese Tanzfläche verlässt, vollkommen gleichgültig, ob mir jemand dabei zusieht oder sich jemand eine Meinung über -meinen machmal doch auch recht eigenen- Tanzstil bilden mag. 

Wenn es darum geht, für meine Meinung und Ansichten einzutreten, kann ich das lautstark und voller Überzeugung tun, ungeachtet dessen, ob es rationale Beweise für dergleichen gibt. Wenn ich in meiner grell- orangen Jacke durch die Gegend spaziere, sehe ich immer aus wie ein Baustellen – Hütchen (darauf wurde ich auch freundlicherweise schon dutzende Male hingewiesen- danke an dieser Stelle ;)) aber das macht mir nichts, denn ich liebe sie und wenn ich etwas mag, ist das das einzige Gütesiegel, das ich benötige. 

Egal, was andere davon halten mögen. In all diesen Situationen bin ich mir meiner selbst sicher und ich trete für mich ein und dessen bin ich mir durchaus bewusst. Dann gibt es aber wiederum andere Lebensbereiche in denen ich wie ein verlorenes, kleines Kind herumwackle und hoffe, jemand möge kommen und mir endlich mal erklären, was ich eigentlich mit diesem „Leben“ anfangen soll. 

Ich bin zum Beispiel schüchtern. Mag so auf den ersten Blick nicht so rüber kommen, aber wenn ich jemanden mag (ich spreche jetzt von Männern) und ich nervös bin, rede ich prinzipiell vollkommen unzusammenhängende Sätze und das nervt. Ich stammle dann irgendwelche Wortfetzen und ernte dafür meistens verwirrte Blicke. Wenn ich besonders gut vorbereitet bin, schaffe ich es manchmal die Situation zu umgehen, indem ich von Vornherein voll auf „Friendzone“ mache – hier fühle ich mich wieder sicherer. Dann bin ich in den Augen der Männer entweder absolut irre oder eben eine nette Kollegin. Sehr vielversprechend, ich weiß. Das bringt mich nicht so wirklich weiter und mir ist noch nicht ganz klar, wie ich diesen Graubereich verlassen soll, denn wie ihr vielleicht nachvollziehen könnt, das erfolgreiche Flirten wurde mir anscheinend nicht in die Wiege gelegt. 

Aber nicht nur in Beziehungsangelegenheiten bin ich ein Vollpfosten. Ganz generell habe ich ja schon oft von meinen Zukunftsängsten erzählt. Ich habe mir zum Beispiel kürzlich Flugtickets gebucht für eine längere Reise. Zugleich habe ich riesen Schiss vor solchen Reisen, weil ich immer Angst habe, meine Comfortzone zu verlassen und irgendwann entweder entführt oder von wilden Tieren gefressen zu enden

Ich hatte auch Angst, als ich meinen Job gekündigt habe, ich habe Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, mein Leben zu verplempern, mich nie zu verlieben, mich tatsächlich zu verlieben, eine Familie zu gründen, keine Familie zu gründen, ein Buch zu veröffentlichen und dann mit der Kritik konfrontiert zu werden,  nie ein Buch zu veröffentlichen, Familienmitglieder oder Freunde zu verlieren, abends nicht einschlafen zu können, etc. 

Ihr seht: Ich habe prinzipiell Angst. Jeden Tag. Und trotzdem stehe ich jeden Morgen auf, buche Flugtickets, reise (auch alleine) um die halbe Welt, kündige meinen sicheren Job, date irgendwelche Hornochsen auf tinder, schreibe ein Buch, etc. Was ich damit sagen will: Selbstbewusst- sein heißt nicht, dass ich stärker, sicherer und besser auftreten muss. Ich kenne mich selbst recht gut und lerne mich immer wieder neu kennen und ich glaube, es ist wichtig, dass ich um meine Unzulänglichkeiten, Ängste und Sorgen bescheid weiß. Schwäche zeigen heißt nicht gleich, nicht stark zu sein. Ich lebe mit meinen Ängsten und setze trotzdem einen Fuß nach dem anderen auf. Und vielleicht klappt es ja irgendwann dann auch mit dem Flirten. 🙂 

Jetzt werdet ihr euch vielleicht wundern, was meine Überschrift mit diesem Blogeintrag zu tun hat. Ich habe heute mit einer lieben Freundin telefoniert (dieselbe, die ihr Fenster geöffnet hat) und dann habe ich eine gaaaanz lange Jammertirade darüber losgelassen, dass wieder eine Woche um ist und ich noch immer nicht weiß, was ich mit meinem Leben anfangen soll und, dass ich heute nichts Produktives gemacht habe und, dass ich jetzt schon zu den „Älteren“ gehöre und ich keine eigene Wohnung, keine Beziehung, kein Geld und keine Ahnung von nichts habe und nach all dem Gejammere meinte sie: 

„Naja, man gewöhnt sich an alles.“ 

Ich liebe meine Freunde. Schönen Sonntag! Vera

Veröffentlicht von WhoIsVeraVis

Ich weiß noch nicht, wer ich bin, aber ich bin höchst erfolgreich dabei, es herauszufinden...

2 Kommentare zu „„Man gewöhnt sich an alles“…

  1. Ich mag deinen Blog. Ab und zu lese ich mal rein, wie bei diesem Artikel, und finde mich selbst wieder. Vielleicht bist du mein weibliches Pendant 😄 mir war Tinder auch zu dumm. Ich wünsche dir trotzdem viel Glück bei der Partnerfindung. Und eins ist sicher. Die Tiere haben ebenfalls Angst, von dir gefressen zu werden.

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